Mittwoch, 4. November 2015

»Paralleluniversen« - Florenz

Reiseführer über Reiseführer schreiben über die einzigartigen Sehenswürdigkeiten aus Mittelalter und Renaissance in Florenz. In den Unmengen von Lifestyle-Magazinen sammeln sich genügend Insidertipps, Empfehlungen und Beschreibungen über das Nightlife in Florenz, über Clubs und Bars, immer auf der Suche nach dem Neuen und Besonderen. Show text

Beschreibung

Warum gibt es jedoch nur wenig Informationen darüber, wie man in Florenz einen entspannten Tag verbringen kann, und das ganz ohne Besuch in Museen, Kirchen, Palästen? Ganz ohne überteuerte Restaurants, Clubs und Bars?

     
Sehenswürdigkeiten
Domkuppel, Santa Croce, Palazzo Vecchio, Neptunbrunnen

Ja, das geht. Es ist sogar gar nicht weit, auch nicht versteckt, teilweise sogar in Reiseführern erwähnt ... und damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Beitrags angekommen, denn ich würde das gerne hiermit ändern.

Kleiner Tipp: Wochentags funktionieren die hier beschriebenen Sachen am allerbesten ... nicht, dass wir alles genau so gemacht haben. Aber fast! Und ich würde es beim nächsten Mal genau so machen!

Prima Colazione

Kaffee und etwas Süßes, so starten wir in Italien in den Tag, und das für normalerweise €1,- je Espresso und maximal €1,50 je Dolce. Genau das ist in Florenz leider gar nicht so einfach, schon gar nicht gemütlich im Sitzen. Nicht weit von Santa Croce, der großen Franziskanerkirche und Ruhestätte Michelangelos und Gallileis, ist das Dolce Lab, Via de' Macci 38r. Cupcakes und verspielte süße Kreationen werden dem Namen gerecht. Schlicht, aber niedlich eingerichtet, kann man während Kaffee und ein, zwei oder einfach vielen süßen Sachen das WLAN für die Korrespondenz mit Zuhause nutzen oder einfach nur genießen. Etwas Platz sollte aber trotz Schwelgens in Zucker trotzdem gelassen werden, weil es geht hier tatsächlich viel ums Essen!

Leider ist es nicht ganz preiswert und irgendwie gar nicht typisch italienisch, zumindest etwas zu modern dafür. Egal, Tod durch Schokolade muss nicht Dantes Italienisch sprechen, sondern darf wie das heutige Italienisch ein paar Anglizismen haben. Außerdem gefällt es mir, wenn Besitzer die TripAdvisor-Rezensionen beantworten.

Fare la Spesa

Einkaufen? Da denken wohl die meisten Leute in Florenz an Kleidung, Schuhe, Schmuck (auf der Ponte Vecchio), ... Ich meine damit eher - ja, genau, Hauptthema heute - Essen. Der Mercato di Sant'Ambrogio, Piazza Ghiberti, ist zwar etwas kleiner als der Mercato Centrale, dafür authentischer und beliebter bei den Einheimischen. Die ganze Gegend wirkt "bewohnt", Wohnhäuser, kleine Läden ganz ohne Souvenirs, kleine Cafes ganz ohne Touristenmenü, Teenager auf dem Heimweg von der Schule, Fiorentiner, die ihre Einkäufe nachhause tragen, ...

 
Mercato di Sant'Ambrogio
Sehen, riechen, schmecken, einkaufen - außen wie innen

Die beste Zeit zum Einkaufen ist zwischen Frühstück und Mittagessen, damit sich die süßen Sachen (siehe Frühstück) durch das Spazieren durch die Stände des Marktes außen wie innen etwas besser verdauen lassen.

Besonders beeindruckend ist das Angebot im Herbst, wenn in good old Germany schmackhaftes Gemüse schon die Supermärkte verlassen hat, betört der Markt mit seinem frischen Angebot aus Fiori di Zucchine, Porcini, Melagrane. Tomaten, die so geschmackvoll sind, wie man sie bei uns nur noch beim Feinkosthändler bekommt. Leckerster Schinken, Salami und Käse. In den Macellerie kann man sich kaum entscheiden zwischen Ossobucco oder Bistecca. Nur mit Trippa, Street Food-Spezialität und an jeder Ecke zu finden, hab ich mich noch nicht angefreundet.

 
Mercato di Sant'Ambrogio
Unwiderstehlich
   
Mercato di Sant'Ambrogio
Unwiderstehlich

Pranzo

Da wir nun schonmal da sind. Mitten in der Markthalle des Mercato di Sant'Ambrogio ist die Trattoria da Rocco. Man sitzt ein bisschen wie in einem Großraumabteil der Bahn: Mehrere Sitzgruppen aus sich gegenüberliegenden Dreierbänken, ein Gang, und auf der anderen das gleiche nochmal. Man bekommt keinen freien Tisch zugewiesen, sondern einen freien Platz. Das macht einen Besuch bei Rocco immer auch zu einem Treffen mit neuen Bekannten. Alte Bekannte werden schon von weitem mit Namen begrüßt und zu Tisch gebeten - hier geht man Mittagessen, hier geht man Leute treffen (ci vanno a pranzare, ci vanno a incontrarsi).

Das Essen ist einfach, aber unglaublich lecker und verhältnismäßig preiswert (für Florenz allemal). Ein Glas Wein kostet €2,-, ist aber in Wirklichkeit ein leeres Glas und der Fiasko wird auf den Tisch gestellt (Nachschenken natürlich erlaubt). Wer auf den Wein verzichtet, muss sich Roccos erstaunten Blick allerdings gefallen lassen.

 
Trattoria da Rocco
ci vanno a pranzare, ci vanno a incontrarsi

Als Primo Piatto empfehle ich die hausgemachte Tagliatelle ai Pomodori (so einfach es klingt, so unwiderstehlich schmeckt es) oder aber ein jahrhundertealtes typisches Gericht, Pappa al Pomodoro (Brot-Tomaten-Brei mit Salbei) - lecker, und wer's nicht glaubt, sollte es mal probieren.

Wer nach dem Frühstück (wir erinnern uns) und der Vorspeise noch Platz hat, ich kann leider wenig über den Geschmack der angebotenen Secondi und Contorni sagen - aber Aussehen und Geruch, seeehhr lecker.

Als ob nicht schon genug gegessen wurde, eine Nachspeise muss sein. Ob Crema Catalana oder Tiramisu - letzteres nicht nur eines der besten überhaupt, es überrascht auch mit Schokosplittern in der Mascarponecreme (lecker!).

Passeggiata

Rocco ist ein Original ohne dabei aufdringlich oder nervig zu sein. Es fällt ein bisschen schwer, den Zuschauerraum für das Schauspiel um ihn und seine Gäste zu verlassen - oder sich gar selbst Teil davon werden zu lassen.

Es ist nach so viel essen wieder ein bisschen Zeit, sich die Beine zu vertreten. Die Gegend zwischen Sant’Ambrogio und Santa Croce wirkt irgendwie einladend für einen kleinen Spaziergang. Bei Santa Croce mehrt sich das natürliche Aufkommen von Touristen merklich, ist aber durch ihren großen Vorplatz, auf dem das alljährliche Calcio Storic stattfindet, nicht weiter schlimm.

Santa Croce
Letzte Ruhestätte Michelangelos und Galileo Galileis
   
Mercato di Sant'Ambrogio
Unwiderstehlich

Am besten, man „verläuft sich“ in den Gassen auf der anderen Seite des Platzes - man darf dabei auch der Piazza della Signoria zu nahe kommen - und zwar kontrolliert Richtung Nordnordwest Richtung Biblioteca delle Oblate in der Via dell’Oriuolo.

 
Verlaufen
ein bisschen, im Rahmen, man erkennt die Grenzen

Caffè

Der obere Teil der Bibliothek, die im Kreuzgang eines ehemaligen Klosters untergebracht ist (an und für sich schon einzigartig!), sind Aufenthaltsräume und die Caffetteria delle Oblate, Via dell'Oriuolo 26 voller junger Leute, Studenten, die ihre Nasen in Bücher und Laptops stecken, und ein paar Besuchern wie uns oder der (so echt, quasi sprachlos) staunende Papa, der seine Tochter (offensichtlich Studentin in Florenz) besuchte.

   
Biblioteca delle Oblate
Lernen mit Aussicht

Warum Lernen hier besonders cool ist und dem Papa beim Besuch des Cafes in der Bibliothek die Kinnlade Richtung Tisch fällt? Naja, seht Euch die Aussicht an ... nahezu unbehelligt von den Touristenmassen hat man hier über den Dächern Florenz einen wunderbaren Ausblick auf Cupola und Campanile des Duomo Santa Maria del Fiore.

Warum bei dieser Kulisse noch niemand eine Parcour-esque Verfolgungsjagd über die Dächer gedreht hat, bleibt wohl ein Geheimnis der James Bond-Drehbuchautoren (mindestens so cool wie durch die Menge beim Palio in Siena) ...

Aperitivo

Von hier führen viele Wege Richtung Arno und einer Brücke auf die andere (Süd-)Seite. „Ponte Vecchio“, mag der ein oder andere dabei denken, und wir haben es uns tatsächlich angetan - im Herbst geht es auch einigermaßen und es sieht lustig aus, wenn sich plötzlich von einer Querstraße auf die andere die Anzahl Menschen pro Quadratmeter vervierfacht (zurückhaltend geschätzt).

 
Ponte Vecchio
Stau wegen erhöhtem Besucheraufkommen

Clubs waren nur selten mein Ding und mittlerweile zähle ich zur Kategorie Gammelfleisch und muss mir die Peinlichkeit eines Clubbesuchs nicht antun. Bars und Restaurants für ein entspanntes Beenden eines Tages und/oder Starten der Nacht finden sich rund um Santo Spirito südlich des Arnos - ohne einzelne hervorheben zu wollen.

Hier empfehle ich ein bisschen Spontanität. Mancher empfindet eine kleine Theke ohne echte Sitzgelegenheiten innen wie außen und einer großen Traube feiernder Italiener als einladend, andere eben die ruhige kleine Enoteca mit gemischtem Klientel zwischen Angestellten und jungen Familien auf dem Nachhauseweg sowie Mittsechzigern beim Schlummertrunk.

Es muss aber gar kein Aperitivo sein, keine Bar, o.ä. Es kann auch einfach nur ein Eis sein, z.B. wie ein Crema di Filo im Il Gelato di Filo, Via San Miniato 5r, bei einem gemütlichen Abendspaziergang ...

Cena e Bellavista

Wer jetzt denkt, dass ich damit irgendein Restaurant meine, dass nur wegen seiner Panoramaterasse teures Geld für wenig Essen verlangt, der irrt ein wenig.

Einkaufen stand ja auf der Liste (siehe Fare la Spesa) ...

Hier die Empfehlung für ein leckeres und günstiges Abendessen für zwei Personen: Beim Einkaufen vormittags an einer Macelleria im Mercato di Sant’Ambrogio ein Ciabatta in der Länge halbieren, aufschneiden und individuell mit Salami oder Schinken und Käse belegen lassen. Dazu ein paar Antipasti (z.B. gegrilltes Gemüse, das man dann kurz vor dem Verzehr noch auf das Ciabatta packen kann, oder Oliven, ...) von Rocco oder einem anderen Stand zum Mitnehmen einpacken lassen. Wein, Prosecco, ... an irgendetwas zum Trinken sollte man für ein entspanntes Abendessen natürlich auch gedacht haben.

Aussicht
von der Südseite des Arnos

Auf der Piazzale Michelangelo kann man nach etwas mühsamen Aufstieg dann ganz gemütlich zwischen den ganzen Touristen und Souvenirständen bei einem leckeren Sandwich die Aussicht genießen. Wie die letzten Sonnenstrahlen sich als Streiflicht durch die Ponte Vecchio auf den Arno verirren. Wie die blaue Stunde sich über die Stadt legt und mit den Lichtern der Straßen und Sehenswürdigkeiten konkurriert, aber unweigerlich das Spiel mit Einbruch der Nacht verliert.

Busse der Linie 13 Richtung Bahnhof fahren hier bis spät abends. Der Parkplatz ist kostenlos (daher fast immer belegt), wer sein Auto hier abgestellt hat (oder sich den Aufstieg zu Fuß gespart hat).

Man kann das gleiche aber auch am Arnoufer machen, z.B. auf einer Bank auf der Piazza Niccola Demidoff mit dem Hotel Silla (sehr gepflegtes und sauberes Hotel) und dem Palazzo Serristori als Kulisse. Die Aussicht ist nicht ganz so weit, aber dafür ist es etwas ruhiger.

Essen und Trinken

Trattoria da Rocco, Mercato di Sant'Ambrogio
Einfach, schlicht, und doch etwas besonderes ... Leben aufsaugen und bodenständig lecker essen.

Dolce Lab, Via de' Macci 38r
Cupcakes und verspielte süße Kreationen. Ein bisschen modernes Florenz am Rande des Dante-esquen Altstadtflairs.

Caffetteria delle Oblate, Via dell'Oriuolo 26
Lernen kann wirklich cool sein - erst recht in so einer Umgebung: Studentencafe mit außergewöhnlicher Aussicht.

Il Gelato di Filo, Via San Miniato 5r
Einfache Eisdiele mit leckeren Sorten - die Haussorte Crema di Filo probieren -> lecker!

Ausrüstung

Für einen Tag in Florenz bietet sich ein kleines Reisepaket an: Standardzoom (weil Standard), Ultraweitwinkel (für Architektur, etc), Portraitlinse (zum Momente einfangen), ...
Ok, es geht auch ohne Kamera, denn eigentlich handelt dieser Post vom Essen ...


Fleckchen dieser Welt, wie die Altstadt von Florenz, werden nicht ohne Grund von vielen Menschen besucht. Daher suchen wir quasi eine parallele Dimension - und ich denke, hier haben wir ein bisschen davon für Florenz gefunden ...

Auch diesmal wieder: Danke sehr fürs Lesen (oder in diesem Fall fürs Kucken) und bis zum nächsten Mal.
   

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