Mittwoch, 24. September 2014

Die Toskana, wunder­schö­ne Land­schaften, Städte als Gesamt­kunst­werke, die Wiege unserer Kultur, Geburtsort der Renaissance und des Humanismus, Ziel für Kultur­reisende, Wein­kenner, Fein­schmecker ...
Aber wie bringt man zwei Teenager dazu, mit auf eine Tagestour zu gehen? „Grazie a Ezio Auditore.“
Show text

Beschreibung

Assassins Creed 2 spielt im (fiktiven) Italien des 15. Jahrhunderts und begeisterte damit Spieler aller Altersgruppen. Was die meisten Spieler vermutlich gar nicht wissen: Viel aus der Zeit des Mittelalters und der Renaissance ist heute noch konserviert – z.B. in alten „BorgiBorgo
Befestigter Ort, dessen oft mittelalterlicher Kern innerhalb der Stadtmauern konserviert wurde.
“.
Wo könnte man also mit dem Erkunden besser anfangen als im Heimatort von Ezio Auditore, dem Protagonisten des Videospiels - so wie wir im Juni 2012.

Monteriggioni

Auf einem Hügel tront MonteriggioniMonteriggioni
Die Gemeinde mit über 9000 Einwohnern (Stand 2012) in der Provinz Siena liegt auf dem Hügel „Monte Ala“ an der historischen „Via Francigena“ ist bekannt für seinen alten Ortskern und der Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert.
wie eine Festung, ursprünglich errichtet von der Republik SienaRepublik Siena
Im Jahr 1147 stellte sich die Bürgerschaft Sienas gegen Bischöfe und Feudaladel und rief die freie Kommune aus. Siena wurde zur Republik und bis ins 16. Jahrhundert neben Florenz (mit der sie ständig in Konkurrenz stand) die einflussreichste Stadt der Toskana - dessen Zeugen heute noch (unter vielen anderen) der Dom „Cattedrale di Santa Maria Assunta“, der Palazzo Pubblico mit seinem „Torre del Mangia“ und die älteste Bank der Welt „Monte dei Paschi“ sind.
als Verteidigungsstützpunkt gegen Florenz. Die Stadtmauer mit ihren elf Tor- und Wachtürmen (um 1200) ist nahezu komplett erhalten, und inzwischen darf man auch wieder hinaufklettern (täglich, €3 p.P. ab 12J).

La Vista d'Auditore
Der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit - hier fehlt die Villa d'Auditore
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, Zeitautomatik (Av), Auto ISO (ISO100), f11, 1/200s, Stitched with MS ICE

Mitte Juli ist in Monteriggioni das MittelalterfestFesta Medievale di Monteriggioni
Volksfest an zwei Wochenenden im Juli mit perfekter Inszenierung mittelalterlicher Szenen und Gegebenheiten.
: Einwohner tragen alte Kostüme und spielen Gegebenheiten aus dem Mittelalter nach. Ezio Auditore fehlt allerdings (noch), gehört er doch wie auch die Villa Auditore zum fiktiven Teil von Assassin Creed 2.

 
Monteriggioni
Zwischen Touristenattraktion und verschlafener Mittelalterromantik
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, Zeitautomatik (Av), Auto ISO (ISO100), (links) 18mm, f11, 1/160s & (rechts) 34mm, f11, 1/160s

Das „Centro Storico“, der historische Ortskern, ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch zum Schlendern durch die Gassen und Klettern auf die Mauer wert - und wirkt dabei erstaunlich geräumig im Vergleich zu anderen Festungsorten.

Klatschmohn
Der Blick von Abbadia Isola auf die Türme
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, Zeitautomatik (Av), Auto ISO (ISO125), 18mm, f11, 1/400s

Im Stadtteil Abbadia Isola (Nebenstraße Richtung Colle di Val d'Elsa) lohnt sich ein kurzer Besuch der Abbazia dei Santi Salvatore e Cirino (gegründet 1001). Außerdem hat man von dort den vermutlich schönsten Blick auf Monteriggioni (Bild oben).

San Gimignano

Immernoch sind viele Straßen in der Toskana Schotterwege, die sogenannten „Strade BiancheStrada Bianca
Bezeichnung für die Schotterwege in der Toskana, die hell durch die Sonne beleuchtet sich wie „weiße Straßen“ durch die Landschaft ziehen.
“, wie auch hier (Bild unten) mit Blick auf San Gimignano zu sehen. Für viele ist das Netz der Strade Bianche die schönste Art, die Toskana zu entdecken - ich kann nur zustimmen.
San GimignanoSan Gimignano
Die Kleinstadt mit weniger als 8000 Einwohnern (Stand 2012) in der Provinz Siena liegt an der historischen „Via Francigena“ im Val d'Elsa. Ihr mittelalterlicher Stadtkern ist seit 1990 Teil des UNESCO Weltkulturerbes und wird wegen seiner von weitem sichtbaren Skyline der ehemals 72 Geschlechtertürme auch „Stadt der Türme“ genannt.
ist Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Die 14 heute noch verbliebenen GeschlechtertürmeGeschlechterturm
Einflussreiche Familien errichteten diese meist quadratischen Wohntürme zur Verteidigung im von Fehden geprägten Frühmittelalter. Die Höhe des Turms war dabei Ausdruck von Stärke und Ansehen des Geschlechts.
sind ein einzigartiges Zeugnis mittelalterlicher Bauwerke. Bieten diese Wehrtürme hinter meterdicken Mauern als Schutz nur wenige Quadratmeter Platz im Innenraum, so war ihre Höhe Ausdruck der Überlegenheit über den Nachbarn.

Skyline
Das Manhattan der Toskana mit seinen noch 14 verbliebenden Geschlechtertürmen
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, Zeitautomatik (Av), Auto ISO (ISO100), 55mm, f11, 1/250s

Von der zerstörten Burg Rocca di Montestaffoli steht nur noch ein Turm, aber ihre erhöhte Lage erlaubt einen schönen Blick über San Gimignano (Bild links unten) und seine Umgebung. Südlich der Burg geht es quer über die Piazza dell’Erbe zur Piazza del Duomo und dem Duomo Santa Maria Assunta. Im früheren Kreuzgang zwischen Dom und Rathaus geht es zum Eingang der von Fresken übersäten Chiesa Collegiata (Hauptkirche des Doms; Mo-Fr 9.30-19h, Sa 9.30-17h, Eintritt €3 p.P. ab 12J). Vom Domplatz aus sieht man das Gebäude der Ghibellini-Salvucci mit seinen Zwillingstürmen.

 
Le Torri
Links der Blick vom zerstörten Rocca di Montestaffoli, rechts von der Piazza dell Cisterna auf den Torre del Diavolo
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II

Südlich des Domplatzes ist die Piazza dell Cisterna, ein dreieckiger Platz mit der Zisterne im Zentrum. Am Platz liegen einige historische Gebäude, darunter auch der Palazzo Lupi mit seinem Torre del Diavolo (Bild oben rechts). Auch hier liegt der Ursprung des Namens in der Legende, dass der Teufel beim Bau behilflich war.

Aussicht vom »Torre Grossa«
218 Stufen zum Wahnsinnsblick auf San Gimignano und die Terre Senesi
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, Zeitautomatik (Av), Auto ISO (ISO100), 18mm, f11, 1/160s

Der „fette“ Rathausturm Torre Grossa (tägl. 9.30-19h, Eintritt €4 ab 12J) bietet nach 218 Stufen Aufstieg einen Wahnsinnsausblick auf San Gimignano und die Hügel der Terre Senesi (Bild oben und Bilder unten). Und im Gegensatz zu beispielsweise „La Cupola“ des Doms in Florenz und „Torre del Mangia“ des Rathauses in Siena ist er auch für Leute geeignet, die unter Klaustrophobie leiden.

 
Aussicht vom »Torre Grossa«
Man fühlt sich wie Ezio Auditore da Firenze
Jetzt der Adlersprung - aber wo ist der Wagen mit Heu?
Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, Stitched with MS ICE

Ins San Gimignano des 15. Jahrhunderts - damals soll die Skyline sogar aus 72 Geschlechtertürmen bestanden haben - wird Ezio Auditore in der Fiktion des Videospiels wegen der PazziPazzi
Im Mittelalter einflussreiche Adelsfamilie und Bankiers aus Florenz, die nach einem fehlgeschlagenen Anschlag auf die Medici („Pazzi-Verschwörung“, 1478) aus Florenz verbannt wurden.
geführt. Die gab es wirklich, und gehört ihre Fehde mit den Medicide' Medici
Untrennbar ist dieser Name mit der italienischen Renaissance und Florenz verbunden. Durch Textilhandel im ausgehenden Mittelalter wohlhabend geworden, entwickelten sich die Medici nicht nur zur Herrschaftsfamilie der Republik Florenz, sondern zu einer der einflussreichsten in ganz Europa, beeinflussten Oberhäupter im Vatikan und Thronsälen und schmückten ihre Heimatstadt mit Werken der Malerei, Kunsthandwerk und Architektur der berühmtesten Künstler ihrer Zeit.
und die Pazzi-VerschwörungPazzi-Verschwörung
Eigentlich durch die päpstlichen Bankiers in Florenz, den Salviati, initiiert ist die „Pazzi-Verschwörung“ die Verabredung des Florentiner Papstgetreuen zum Staatsstreich gegen die herrschenden Medici und ihren Einfluss in Italien. Am Ostersonntag des Jahres 1478 sollten Lorenzo und Guiliano de' Medici ermordet werden, Lorenzo allerdings entkam verwundet.
Die Verschwörer wurden durch einen wütenden Mob getötet und die Familie Pazzi aus der Stadt gejagt. Salvati, obwohl Erzbischof, wurde gehängt, was zu schweren diplomatischen Verwicklungen mit dem Kirchenstaat führte.
zwar eher nach Florenz, ist es doch ein gutes Beispiel für die Auswirkungen der Machtkämpfe zwischen Ghibellinen (Kaiser) und Guelfen (Kirche) im 14. Jahrhundert auf die toskanischen Adelsfamilien und Stadtstaaten - und bestimmt mitverantwortlich für den Bau der Türme.

Einkehrtipps

Machen wir uns nichts vor: Monteriggioni und San Gimignano gehören zu den bekanntesten Zielen in der Toskana und sind daher sehr touristisch, was wiederum in der Regel leider den kulinarischen Standard oder zumindest das Preis-/Leistungsverhältnis senkt.
Trotzdem! Gute italienische Küche gibt es in der Toskana überall, ist nur manchmal etwas schwerer zu finden. Kleiner Tipp: Italiener gehen sehr spät Abendessen, d.h. die bei den Einheimischen beliebtesten Lokale sind die nach 21 Uhr belebtesten.

Übrigens: Das so hochgelobte Eis der Gelateria Dondoli an der Piazza Cisterna, San Gimignano, halte ich für überschätzt. Die Pasta der Trattoria Chiribiri an der Piazza della Madonna, San Gimignano, ist wiederum sehr lecker (Mittagessensempfehlung).

Ansonsten verweise ich an dieser Stelle gerne auf meine Quellen für Einkehrtipps Tripadvisor und Terra-Antiqua.

Einkaufsmöglichkeiten

Jeder große Supermarkt in den Centri Commerciali - Öffnungszeiten und Adressen finden sich am besten unter http://www.aperture-supermercati.it, einfach unter »Città« den Städtenamen eingeben und mit »Cerca« suchen.
Übrigens sind dort auch Souvenirs und Mitbringsel, z.B. Panforte oder die meisten Standardweine, meist etwas günstiger als im Souvenirladen in einer gut besuchten Altstadt.

Nightlife

Die Altstadt von Monteriggioni ist ausgestorben, nachdem die Touristen die Stadt abends verlassen, und lohnt daher wenig als Nightlife-Ziel.

San Gimignano bleibt sehr viel länger lebendig. Ein Abend kann gut in einer Enoteca mit einem Glas „VernacciaVernaccia di San Gimignano
In den Hügeln rund um San Gimignano bewirtschaften über 200 Winzer die über 600ha zugelassenen Rebflächen für den Weißwein Vernaccia, dessen Geschichte sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Es war in den 1960er Jahren der erste italienische Wein „Denominazione di Origine Controllata“ DOC, heute DOCG „... e Garantita“
“ begonnen werden, dem Weißwein aus San Gimignano. Und für ein romantisches Abendessen im Anschluss bieten sich auch genügend Möglichkeiten - ein eisgekühltes Fläschen „Vernaccia“ darf natürlich auch hier nicht fehlen.
Wobei dieses Fläschen „Vernaccia“ bestimmt auch lecker schmeckt zusammen mit ein bisschen „Prosciutto“ (vielleicht vom Cinta Senese), „Olive verde“ (natürlich die großen), „Pecorino“ (zu dem ein bisschen Honig nicht fehlen darf) als kleines Picknick auf einem der Plätze.

Außerdem bieten sich noch Volterra (30km südwestlich) und vor allem Siena (40km südöstlich) als Ziele für ein bisschen Nightlife an.

Allgemeine Infos

Parken Monteriggioni: Parkplatz an der Strada di Monteriggioni außerhalb der Stadtmauern (den oberen Parkplatz, nicht den direkt an der Via Cassia)
Parken San Gimignano: (alle kostenpflichtig) Parcheggio Guibileo (mit Shuttle), Via di Castel oder Parcheggio Montemaggio, Piazzale Martiri Montemaggio (beide südl. der Altstadt) oder Parcheggio Bagnaia, Via Bagnaia (nördl. der Altstadt)

Strecke: ~26km, asphaltierte Straßen ... aber! Es empfiehlt sich, sämtliche Möglichkeiten auf der Stecke zum „sich Verfahren“ auszunutzen und über kurvige, teils unbefestigte Schotterstraßen die Hügel der Region, alte Herrenhäuser (ob verlassen oder restauriert und als Hotel betrieben), Land- und Weingüter, und so vieles mehr zu erkunden!
Ausrüstung: Nichts besonderes, Schuhwerk sollte tauglich für Stadtspaziergänge sein.

Fotoausrüstung: Canon EOS APS-C, EF-S 18-55mm IS II, EF-S 55-250mm IS II
Für das nächste Mal: Ein Ultraweitwinkel, z.B. das neue EF-S 10-18mm IS STM, um die faszinierende Architektur zwischen Mittelalter und Renaissance noch besser einzufangen.
Nicht mehr Blende f11 für Landschaft und Architektur bei gutem Licht (eine alte Angewohnheit als Teenager aus Zeiten der analogen Fotografie).
Frühjahr oder Spätherbst, damit ich um 9.30 vom „Torre Grossa“ das Streiflicht im morgentlichen Nebel einfangen kann.

Karte


Danke sehr fürs Lesen und bis zum nächsten Mal.
   

Kommentare:

  1. Jetzt bin ich urlaubsreif und hab Fernweh! Danke! Un nu? :-*

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  2. Super Infos. Und sehr, sehr gute Fotos! Ich war schon öfter in Monteriggioni, San Gimignano, Siena und Volterra (in Siena und Volterra erst vor zwei Wochen), aber wenn ich den Artikel so lese, würde ich glatt wieder losfahren. Top! Mehr zu meinen Toskana-Erfahrungen auf maremmageheimtipp.wordpress.com

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  3. Danke sehr. Dein Blog ist unten übrigens in Quellen verlinkt - hab mir den ein oder anderen Tipp für unseren Maremma-Urlaub 2014 geholt.
    Ich komme leider nicht so regelmäßig zum Bloggen, aber die Maremma sollte eigentlich ein, zwei Themen hergeben ...

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